IN PERSON: CHRISTY DORAN
Christy Doran Die Magie der sechs Saiten
Er ist eine der schillerndsten Persönlichkeiten der Schweizer Gitarristenszene. Von seinen Anfängen mit der legendären Jazzrock-Gruppe OM in den Siebzigern bis zum neuesten Projekt New Bag ist Christy Doran konsequent seinen Weg gegangen, ohne Rücksicht auf kommerzielle Zwänge zu nehmen. Heute geniesst er weltweites Ansehen und spielt nach wie vor rund um den Globus. JazznMore hat ihn in seinem Luzerner Domizil besucht.
Von Marcel Benedikt
Ein Mann der grossen Worte ist Christy Doran nicht, vielmehr beeindruckt er sein Gegenüber mit ruhiger, sachlicher Art. So leicht scheint ihn nichts aus der Ruhe zu bringen, ausser er hat eine Gitarre um seinen Hals hängen. Da kann es durchaus sein, dass er mal explodiert, denn seine Musik ist bei aller Verspieltheit immer auch hochgradig energetisch geladen. Zu seinen frühesten Inspirationen gehört nicht von ungefähr der Gitarrenrebell der Sechziger Jahre, Jimi Hendrix. Dessen Geist findet sich noch heute in Dorans Musik, wenn auch in abstrahierter Form. Unterdessen hat Doran eine eigene musikalische Sprache gefunden, die sich nur sehr schwer einordnen lässt. Es handelt sich um ein Sammelbecken verschiedenster Inputs, vom erwähnten Rock über die freie Improvisation bis hin zu Ambient-Soundcollagen. Über all die Jahre hat er immer mehrere Projekte als Leader und Sideman parallel am laufen gehabt, in den letzten Jahren jedoch richtete er den Fokus auf die junge Formation New Bag, die er 1997 ins Leben gerufen hat.
Früher Erfolg mit OM
Nach kurzer, aber intensiver Ausbildung an den Konservatorien Luzern und Bern sowie der Jazzschule Bern (damals noch ohne Berufsschulabteilung) hat sich Christy Doran schon früh ins aktive Musikerleben gestürzt. Mit 23 Jahren hat er 1972 gemeinsam mit Urs Leimgruber (sax), Bobby Burri (bass) und Fredy Studer (dr) die Gruppe OM gegründet, wobei schon damals vor allem Doran für die Kompositionen verantwortlich war. Voller Enthusiasmus hat die Band dreimal wöchentlich geprobt und schon bald die ersten Früchte des grossen Fleisses ernten dürfen. Dank der Vermittlung des Luzerner Bandleaders Mani Planzer wurde OM bereits ein Jahr nach der Gründung ans Jazzfestival im tschechischen Prerov eingeladen, wo die junge Gruppe prompt den ersten Preis gewonnen und damit breitere Publizität erreicht hat. Später wurde ein Plattenvertrag mit dem ECM-Unterlabel Japo Records über vier LPs abgeschlossen. ECM war schon dazumals eine feste Grösse im zeitgenössischen Jazz und garantierte internationale Präsenz in den Plattengeschäften. So ist auch zu erklären, dass OM bereits bei ihrer ersten England-Tour immer mindestens 200 Zuhörer im Saal hatten. Die ganze Sache lief gut, man war ein eingespieltes Team und doch war OM nach zehn Jahren ausgebrannt und löste sich schliesslich 1982 auf. Spätere Pläne, einen Zusammenschnitt der vier LPs als CD herauszugeben, scheiterten leider am Widerstand der Plattenfirma, welche die Originalbänder nicht herausgeben wollte.
Der weitere Weg
Die nächste wichtige Band von Christy Doran war das Trio Red Twist & Tuned Arrow mit dem Gitarristen Stephan Wittwer sowie erneut Fredy Studer am Schlagzeug. Die beiden Gitarristen arbeiteten exzessiv mit sogenannten Loops. Dabei handelt es sich um elektronische Klangschlaufen, wie sie in der heutigen elektronischen Musik nicht mehr wegzudenken sind. Dazumals aber war der konsequente Einsatz solcher Loopgeräte im Bandkontext noch ziemlich revolutionär. Red Twist & Tuned Arrow haben ein Album veröffentlicht, dies wiederum auf dem deutschen ECM-Label. Die nächsten Stationen waren Doran/ Studer/ Burri/ Magnenat (mit zwei Kontrabässen) sowie das längerfristig operierende Trio mit dem Posaunisten Ray Anderson und dem Schlagzeuger Han Bennink (89-97). 1993 war die Zeit reif für eine Hommage an Dorans frühe Quelle der Inspiration, Jimi Hendrix. In der starken Besetzung Phil Minton (voc), Django Bates (keys), Amin Ali (eb) und wiederum Fredy Studer (dr) wurde Hendrix Musik durch den Fleischwolf gedreht und neu zusammen gesetzt, dass es es eine wahre Freude war. Im selben Jahr formierte sich das Trio A.D.D. mit Steve Argüelles (dr) und Robert Dick (fl).
Dorans got a brand new bag
Der grösste Schnitt erolgte dann Ende 1997 mit der Gründung von Christy Dorans New Bag. Erstmals umgab sich Doran mit wesentlich jüngeren Musikern, die Rhytmusgruppe Wolfgang Zwiauer (eb)/ Fabian Kuratli (dr) war eben erst aus der Berufsabteilung der Jazzschule Luzern (heutige Musikhochschule) hervor gegangen, an der Doran seit 25 Jahren unterrichtete. Erstmals spielte er nun auch mit einem anderen Schweizer Schlagzeuger als Fredy Studer, den er zuvor über dreissig Jahre lang an seiner Seite hatte. Die Formation New Bag steht also für den Beginn eines neuen Zeitalters beim Luzerner Gitarristen. Der eigentlich geniale Schachzug bei der personellen Zusammenstellung von New Bag stellt das Engagement des Luzerner Sängers Bruno Amstad (JnM 4/02 Trend) dar, dessen Rolle weit über die eines herkömmlichen Vokalisten hinaus reicht. Amstad arbeitet mit Sounds, elektronischen Effekten und ist immer für eine Überraschung gut. Die Lyrics stehen dabei nicht im Vordergrund, mehrheitlich agiert Amstad lautmalerisch in der Art eines Instrumentalisten. Im letzten Jahr wurde New Bag schliesslich um dem jungen Walliser Keyboarder Hans-Peter Pfammatter zum Quintett erweitert und damit die Soundpalette erneut entscheidend verbreitert. Drei Alben hat New Bag bis heute eingespielt und sich dabei vom frischen Debut Confusing the Spirit (1999) über Black Box (2000) bis hin zum reifen letzten Album Heaven is back on the Streets (2002) kontinuierlich entwickelt. Die Band ist laut Doran heute problemlos in der Lage, weite organische Spannungsbogen zu kreieren, was er sehr zu schätzen weiss. Auf den Entstehungsprozess der Stücke nehmen die neuen Musiker mehr Einfluss als frühere Formationen, Doran bringt heute nur noch seine Gitarren-Parts mit an die Probe, der Rest ergibt sich beim spielen. Er zeigt sich sehr glücklich über die Arbeit mit New Bag und freut sich bereits auf die nächste grössere Tournee, welche für den nächsten Herbst in Planung ist.
Lehrtätigkeit an der MHS Luzern
Noch während seiner eigenen Ausbildung hat Christy Doran 1972 zusammen mit Gleichgesinnten die Luzerner Jazzschule ins Leben gerufen und von Beginn weg auch selber dort unterrichtet. So hat er die ganze Entwicklung von der losen Allgemeinen Schule über die Einführung der Berufsabteilung bis zum Zusammenschluss JSL-Konsi-Aki zur Musikhochschule Luzern mitverfolgen können. Dabei ist ihm aufgefallen, dass die Ausbildung stetig professioneller geworden ist. Für Doran persönlich hat sich die Situation seit Einführung der MHS positiv entwickelt, da er nun in seinem zweitägigen Pensum ausschliesslich Berufsschüler unterrichtet. Dies kommt ihm entgegen, denn als Lehrer für die Grundlagen der Jazzgitarre sieht er sich nicht unbedingt geeignet. Mit Wohlwollen stellt er fest, dass das Interesse an freier Improvisation im Vergleich zu früher deutlich gestiegen ist, was sich mit dem gestiegenen Niveau der Schule und seiner Schüler erklären lässt.
Die nähere Zukunft
Für den Rest dieses Jahres hat Christy Doran eine ganze Menge Pläne gefasst. Da wäre einmal das Release eines Live-Albums von New Bag mit Tonmaterial der diesjährigen Frühlingstour. Dann sind Konzerte mit dem neuen Acoustic-Trio Doran-Känzig-Kuratli in Planung, eine Formation, bei der Doran ausschliesslich die akustische Gitarre bedient. CD-Aufnahmen dieses Trios sind bereits im Kasten, die Kanäle für deren Veröffentlichung aber im Moment noch unklar. Gemeinsam mit Urs Leimgruber, Hans-Peter Pfammatter und Fabian Kuratli möchte Doran des weiteren ein reines Impro-Quartett auf die Beine stellen, um seine Vorliebe für das freie musizieren wieder vermehrt ausleben zu können. Das aufwändigste aller Projekte ist aber klar das Vorhaben, seine Stücke für eine grössere Besetzung zu arrangieren. Gemeinsam mit dem Saxofonisten John Voirol will er diese Aufgabe angehen, die ursprüngliche Combo-Musik auf eine Big Band zu übertragen, ohne dabei den klassischen Sound einer Big Band zu tangieren. Gerne würde Doran auch wieder einmal in den USA auftreten, obwohl er in letzter Zeit mehrere schlechte Erfahrungen mit den kompliziert-bürokratischen Einreisebestimmungen gemacht hat. Die grosse Anerkennung, die ihm bei dortigen Auftritten jeweils zuteil wird, sei aber die Mühe wert, meint er.
Zur Person
Christy Doran ist 1949 in Greystones bei Dublin als Sohn eines irischen Balladensängers geboren. Weil die Mutter aus Luzern stammte, übersiedelte die ganze Familie zehn Jahre später in die Schweiz an den Vierwaldstättersee. Er besuchte später die Konservatorien Bern und Luzern sowie die Jazzschule Bern und war 1972 Mitbegründer der Jazzschule Luzern, an der er noch heute unterrichtet. Doran ist verheiratet und Vater zweier Söhne.
Ausgewählte Diskografie
OM - OM with Dom Um Romao (Japo/ECM - vergriffen)
Christy Doran solo - What a band (Hat ART - vergriffen)
Anderson/Bennink/Doran - Cheer Up (Hat ART - vergriffen)
Doran/Studer/Wittwer - Red Twist & Tuned Arrow (ECM/ 1987)
Doran/Studer/Burri/Magnenat Musik für zwei Kontrabässe, Gitarre & Schlagzeug (ECM/ 1991)
Doran/Studer/Minton/Bates& Ali - Play the music of Jimi Hendrix (Intuition)
Christy Dorans New Bag Confusing the Spirits (On Cue/ 1999)
Christy Dorans New Bag Black Box (Double Moon/ 2000)
Christy Dorans New Bag Heaven is back on the Streets (Double Moon/ 2002)
Info
www.christydoran.ch
www.newbag.ch
Konzerte mit New Bag
25.04. Stanser Musiktage (feat. Monika Zaugg visuals)
Interview mit Christy Doran in Zürich am 12.2.2002
"Um gleich mit der Tür ins Haus zu fallen: Wie alt bist du, Christy?"
Jetzt werde ich dann 53.
"Warst Du immer Jazzmusiker?"
Nein. Angefangen habe ich mit Rockmusik und dann erst kam der Jazz.
Aufgewachsen in den 60er Jahren, habe ich Beatles, Rolling Stones und all das gespielt. Dann kam Hendrix, der wirklich eine herausragende Figur war. Ich hatte ein "Hendrix"-Trio und spielte alle seine Stücke. Und dort begann ich auch zu improvisieren. Die Stones spielten ja in der Zeit viele Stücke von Chuck Berry; die Gitarren-Soli waren eigentlich dort abgeguckt, was ich damals natürlich nicht wusste. Ich habe Note für Note herausgehört und auswendig gelernt. So habe ich eigentlich Gitarre gelernt. Bei Hendrix war das dann um etliches schwieriger und so habe ich selber angefangen zu improvisieren. Nachdem Hendrix starb, begann ich mich für Jazz zu interessieren.
Im erwähnten "Hendrix"-Trio spielte ein Jazz-Schlagzeuger, welcher mich George Benson, Wes Montgomery und Volker Kriegel hören liess. Er machte mich auf einen Sommerkurs aufmerksam, eine "Jazzclinic" an der Jazzschule Bern: ich war damals 19 Jahre alt. Die Rockmusik war mir ein bisschen verleidet, das Trio mitlerweile aufgelöst. An diesem Kurs unterrichtete Pièrre Cavalli, ein Gitarrist aus Genf, und Volker Kriegel. Ich komme ja aus einer Kleinstadt - Luzern ist sehr klein - es gab damals, abgesehen vom Konservatorium, eben keine Lehrer für Jazz. So musste ich mir viel selber beibringen und konnte mich dadurch auch nicht richtig einschätzen. Ich hatte viele Zweifel. In Luzern war man schnell einmal Lokal-Matador, aber ich wusste, dass vieles fehlte. An dieser
Clinic bekam ich dann neues Selbstvertrauen. Dort habe ich lustigerweise auch den damals 17jährigen Stefan Wittwer getroffen: wir waren ziemlich herausragend.
Später ging ich für zwei Jahre an die Jazzschule in Bern.
Ich habe mir natürlich auch die Schweizer Bands angehört, zum Beispiel die "Jazz Rock Experience". Als sie einen Schlagzeuger suchten und Fredy holten, hat mich Fredy einfach mitgenommen. Ich spielte dann auch vor - so haben sie uns beide engagiert. Dabei waren Irene Schweizer, Bruno Sperrri, Hans Kennel und Hans Foletti. Nach einigen Wochen hatte die Band einen Gig am Fernsehen, wo mich der damalige Chef der Jazzschule Bern, Toni Hostettler, sah. An der Jazzschule suchte man einen Gitarrenlehrer. Zum Trompetenlehrer ging ich selber in die Stunde; er spielte nebenbei Gitarre.
So fragten sie mich, ob ich diesen Job übernehmen würde. Ich habe in meiner Naivität dann angenommen und sieben Jahre dort Unterricht gegeben und dabei selber viel gelernt. In der Zeit traf ich auch auf Toto Blanke, welcher damals in Jasper van t´Hof´s Gruppe "Porc Pie" spielte. Diese unterrichtete an einem vierzehntägigen Sommerkurs in Remscheid, den ich besuchte. Dort lernte ich Manfred Schoof und Jasper kennen. Im Unterricht bei Toto merkte ich, dass ich auf einem guten Weg war und einfach weitermachen musste.
Mit 23 habe ich die Gruppe OM gegründet, mit Fredy Studer, den ich schon seit längerem kannte, Urs Leimgruber und Bobby Burri, der schon in der Rolling-Stones-Band und dem Hendrix-Trio gewesen war. OM war eigentlich eine Jugendband. Mit Urs Leimgruber war ich noch am Konservatorium gewesen, denn während ich Schüler an der Jazzschule Bern war, habe ich auch das Konservatorium besucht.
"Für klassische Gitarre?"
Ja, genau. Die 10 Jahre OM waren eine wirkliche Lehrzeit. Wir haben als richtige Greenhorns angefangen, dreimal in der Woche geprobt, egal ob wir ein Konzert hatten oder nicht. Und das hat natürlich viel Zusammenhalt gegeben, menschlich sowie musikalisch. Das ist aufgefallen. Nach einem Jahr hat Bandleader Mani Planzer aus Luzern uns geholfen und uns an das Jazzfestival in Prerov in der Tschechei vermittelt. Er war ein Jahr zuvor mit seiner Bigband dort gewesen und die Goldmedallie gewonnen. In Prerov gab es damals ein Festival mit internationalem Wettbewerb. Wir wussten gar nicht, wie man sich für so einen Anlass anzieht... wir hatten lange Haare und sahen wie Hippies aus! Vorgeschrieben war, dass man im Anzug zu spielen hatte. Das
kam natürlich nicht in Frage. So zogen wir uns schwarze Rollkragenpullover an und sahen sehr brav aus. Letztendlich waren wir die einzigen, die sich so uniformiert hatten. Jedenfalls haben wir die Goldmedallie gewonnen. Das hat uns sehr geholfen, die Nachricht erschien in vielen Tageszeitungen. Danach wurden wir ans Jazzfestival Montreux eingeladen, der Auftritt wurde auch am Fernsehen gezeigt - am heutigen Schweizer Fernsehen kaum vorstellbar! Vor einigen Jahren habe ich mir diese Aufnahmen noch einmal angesehen. OM war schon eigenwillig; alles wirkte irgendwie autodidaktisch, aber eigenständig. Wenn ich jetzt sehe, wie ich da Gitarre gespielt habe... einfach so zum Bauch raus. Auf der Aufnahme gibt es einen typischen Fehler; wir haben uns nicht an den 4/4-Takt gehalten: Auf einmal taucht ein 5/4 Takt auf, lustigerweise spielt dies aber die ganze Band. Wir haben uns nicht gross drum geschert; es war trotzdem ziemlich zusammen. Wir hatten eben einen inneren Zusammenhalt.
Dann haben wir in Zürich gespielt, ein Konzert, welches Irene Schweizer mit Remo Rau organisiert hatte, im "Hinteren Sternen". Wir kamen so langsam aus Luzern heraus. Die erste LP haben wir selber produziert; die eine Seite mit Aufnahmen vom Montreux-Auftritt, die zweite Seite mit Studio-Aufnahmen.
Bei der Grupper OM hatten wir immer Schweirigkeiten mit dem Management. Das habe ich ja heute noch, das ist ein ewiges Problem. Es ist eben in dieser Musik zu wenig Geld involviert für einen professionellen Manager. Wir haben das dann so gemacht, dass die ganzen Aufgaben eines Managers auf uns vier Musiker verteilt wurden. Das war eigentlich Fredy Studers Idee. Ich habe also die Briefe und Infos geschrieben und war quasi der Bürolist. Urs Leimgruber der Telefonist, das war natürlich der härteste Job. Bobby Burri verschickte Plakate und Lp´s und war für den Bus zuständig und Fredy hat die Jounalisten betreut, er hatte durch seine Arbeit bei PAISTE viele Kontakte. Also waren wir auch da ein ziemlich gut eingespieltes Team.
Der grösste Glücksfall war dann aber die Zusammenarbeit mit ECM/Japo. Wir haben vier Lp produziert, welche international vertrieben wurden. Zum Beispiel haben wir zwei Tourneen nach England gemacht, wo 200 - 300 Leute an die Konzerte kamen, einfach weil die Lp´s in den Fachgeschäften standen und von den Fachzeitschriften besprochen wurden. Das war für uns ziemlich überraschend. Wir haben auch viel in Deutschland gespielt, haben drei Ford Transit durchgefahren... Damals in den 70er Jahren war die Mark noch höher als der Franken. Am Anfang spielten wir für wenig Geld, aber wir spielten viel und wurden allmählich bekannt, auch durch Festival-Auftritte usw.
Später spielte der brasiliansiche Perkussionist Dom Um Romao mit, welcher vorher bei Weather Report bekannt wurde und uns auch noch Prestige brachte. Wir haben einmal 26 Konzerte in 28 Tagen gespielt... heute ist das undenkbar mit meiner Musik. Wir hatten damals keine grosse Konkurrenz. OM war eine der ersten Bands mit elektrisch verstärkten Intstrumenten und elektronischen Effekten. Wir kamen vom Rock her, spielten aber Jazz.
Ganz allmählich wurden wir auch von der PRO HELVETIA, der Schweizer Kulturstiftung, wahrgenommen, und sie unterstützte eine Tournee nach Ost-Deutschland. Das war inzwischen 1980.
Wichtig für uns war auch das Jazzfestival Willisau, wo wir ein paar Mal spielten.
Der Nachteil von diesem sehr zusammengeschweissten Quartett war, dass wir fast wie "verheiratet" waren. Nach aussen hatte es den Anschein, als wollten wir gar nicht mit anderen spielen: diese OM-Gruppe wirkte wie verschwört, ein bisschen abgekapselt. In den ganzen Jahren hat uns kaum jemand angefragt zum spielen.
Ich habe die meisten Kompositionen beigesteuert, aber alle haben da ihr Temperament und ihre Ideen reingebracht.
Sänger Hardy Hepp holte Fredy und mich für zwei Schweizer Tourneen in seine Gruppe und wir spielten für ihn auch eine Lp ein. Das war für mich eine grosse Herausforderung; es waren vielfach die gleichen drei Akkorde... da muss man sich wirklich etwas einfallen lassen als Jazzer!
OM löste sich 1982 auf, nicht aus musikalischen Gründen, sondern weil irgendwie die Luft raus war. Wir hatten alles selbst hart erarbeiten müssen und eigentlich nicht grosse Unterstützung erhalten. In Luzern erhielten wir einen Anerkennungskunstpreis; dreitausend Franken haben wir zu viert aufgeteilt.
1972 war ich Mitbegründer der Jazzschule Luzern, zur Zeit, als ich noch an der Jazzschule Bern unterrichtete. Ich habe viele Leute an die Schule geholt, die jetzt noch da sind. In den 90er Jahren engagierte ich mich nochmals in der Jazzschule, bei der Einführung der Berufsschule. Später bin ich aber dann wieder etwas zurückgetreten und betreue nun die Jazz-Gitarrenklasse der Musikhochschule Luzern und leite Workshops.
In den 80er Jahren habe ich verschiedene Duo´s gegründet, produzierte zwei Solo-Lp´s, eine weitere mit meinem Bruder Dave, welcher Schlagzeug spielt. Dann gründete ich ein Septett mit der Idee, anstatt mit Schlagzeug mit drei Perkussionisten zu arbeiten: mit Dom Um Romao, Trilok Gurtu und meinem Bruder Dave. Den Bassisten habe ich in Hardy Hepps Band kennengelernt, Rosko Gee. Er hatte früher bei Traffic und den deutschen Can gespielt. Dazu kam Urs Leimgruber, Saxofone. und Norma Winston, Gesang, was mir eigentlich schon damals wichtig war. Mein Vater war ja Balladensänger; von daher hatte ich zur Stimme immer einen guten Zugang.
"Bist du aufgewachsen in Irland?"
Ja, bis ich elf Jahre alt war, bis zum dritten Schuljahr, in Greystones. Das liegt 18 Meilen südlich von Dublin.
"Warst du gerne in Irland, denkst du gerne an diese Zeit zurück?"
Ja schon. Es ist ein anderes Leben.
"Und dein Vater war beruflich Balladensänger?"
Nein. Weisst du, es war sehr hart da in den 50er Jahren. Er hat alles mögliche gearbeitet, war sechs Jahre am Konservatorium in Dublin ausgebildet worden, als Sänger. Er konnte auch Opern und andere Sachen singen. Aber er hat es nicht geschafft, sich da durchzusetzen. Vielleicht hatte er auch zu wenig Ehrgeiz. Ich mag mich erinnern, dass er eine Einladung an das Radio Eire hatte - das ist das Nationalradio. Die hatten einen Sänger gesucht. Er kam ganz kaputt zurück und sagte, er habe noch nie so schlecht gesungen. Er war vor Aufregung schnell erkältet und hatte nicht den Nerv dazu. Dabei war er ein richtiges Naturtalent, ein "Irish Tenor".
Nochmals zurück zu dem Septett, das ich "May 84" getauft habe, weil es ein Projekt dieses Monats war. Auch dafür machte ich das ganze Management alleine. Es gab eine Tournee und eine Lp... man muss halt Sachen ausprobieren und lernen: Das mit den drei Perkussionisten, das ist nicht so gut gegangen. Weil jeder ein anderes Timing hatte. Trilok war vielleicht in der Mitte, Dave ein bisschen hinten nach, er schleppte etwas, und der Brasilianer natürlich ganz vorne. So hatten sie einfach keinen Groove. Ich habe dann realisiert, wieso z.B. Miles Davis immer einen Schlagzeuger hatte nebst den Perkussionisten. Diese Erkenntnis war etwas schmerzlich, aber trotzdem war es ein gutes Projekt.
Nachher habe ich mit dem österreichischen Gitarristen Harry Pepl angefangen zu spielen, den ich beim Jazzfestival Zürich kennengelernt hatte. Er ist ein super Spieler und unterrichtet an der Musikhochschule in Graz. Wir konnten sehr gut zusammen frei improvisieren. Es ist immer wahnsinnig abgefahren! Später wollte ich Drummer Fredy Studer dazunehmen. Harry bekam Schwierigkeiten mit der Musikhochschule, wenn er zu viel fort war und so kam Fredy später auf die Idee, Stefan Wittwer anzufragen. So entstand die Gruppe "Red Twist & Tuned Arrow" - ein Anagramm der drei Namen Doran, Studer & Wittwer. Stefan hat mich auf anderes musikalisches Terrain gebracht, er kam ja von der frei improvisierenden Szene. Er ist auch ein sehr guter Komponist. Es war eine grosse Herausforderung. Wir haben schwierige Stücke geschrieben. Nach zwei Jahren erschien bei ECM eine CD/Lp dieses Trios. Manfred Eicher war ziemlich begeistert von der Gruppe und wollte gleich noch weitere Aufnahmen machen. Manfred war aber bei der Aufnahmesession nicht dabei. Ich mag mich erinnern, dass es sehr anstrengend war. Fredy und Stefan nahmen es sehr genau, jedenfalls genauer als ich. Dies resultierte in 18 Stunden pro Tag im Studio, und das fünf Tage lang! Am Schluss war man richtig ausgewunden. Die Platte hat sehr guten Anklang gefunden und wir machten wieder viele Konzerte. Endlich hatten wir auch einen Manager gefunden, welcher eine Tournee in Deutschland organisierte; die Platte wurde veröffentlicht - und dann löste sich die Band auf. Schade, denn sie war wegweisend und hätte Zukunft gehabt.
Fredy Studer hatte dann die Initiative und schlug vor, eine andere Gruppe zu machen, mit zwei Bässen. Es war wiederum eine spezielle instrumentale Konstellation mit zwei Kontrabässen. Die zwei Bassisten waren Olivier Magnenat aus Genf und Bobby Burri. Wir haben ein Konzert in Luzern gemacht, einfach frei improvisiert, um zu sehen, wie die Chemie stimmt. Es klang interessant. Ich habe dann auch wieder Stücke geschrieben für dieses Quartett. Später haben wir wiederum eine CD/Lp für ECM aufgenommen. Leider ging das dann nicht so gut, wie wir uns das vorgestellt hatten. Olivier Magnenat musste für Proben immer von Genf nach Luzern reisen; er hat Familie und scheute den Aufwand. Im Studio hörten wir dann Ungenauigkeiten bezüglich Intonation, dies war bei Konzerten nicht so aufgefallen. Sechs der sieben Stücke waren meine Kompositionen und die Parts konnte ich mit der Gitarre spielen. Aber der Gruppensound des Projekts - Gitarre, zwei Kontrabässe und Schlagzeug - ging nicht ganz auf. Das Ergebnis klingt eher nach einem Gitarrentrio - ich spiele sehr im Vordergrund, was ich ja musste. Niemand war wirklich sehr zufrieden. Fredy und ich waren aber vom Konzept und den Kompositionen überzeugt und nahmen später nochmal einen Anlauf. Wir holten zwei absolute Koryphäen an die Bässe. Jean-Francois Jenny Clark, ein unheimlich guter Kontrabassist aus Paris, welcher u.a. mit Keith Jarrett gespielt hatte. Weiter haben wir einen Kontrabass durch einen E-Bass ersetzt und Jamaaladeen Tacuma angefragt. Das war eine super Gruppe! Die beiden Bassisten kannten sich nicht, der eine Amerikaner, der andere Europäer, sie verstanden sich glänzend und ergänzten sich optimal. Wir machten drei Tourneen und hatten einen Manager. Auch mit den Namen von Jamaaladeen und J.F. konnte man die Band ziemlich gut verkaufen. Dann ging es wieder darum eine CD zu machen. Alle Aufnahmetermine waren vereinbart, nach Geld hatte ich geschaut - und drei Wochen vor den Aufnahmen kam die Nachricht, dass Jean Francois an Lymphdrüssenkrebs erkrankt war. Wir mussten alles abblasen, ausser der
Tournee, welche wir mit Marc Helias aus New York spielten. Nach einem halben Jahr kam von Jean Francois die Meldung, es gehe ihm besser, er habe drei Chemotherapien gemacht und wolle unbedingt die CD aufnehmen und mit uns auf Tournee gehen. Also habe ich das Ganze wieder organisert. Leider hat er es nicht geschafft: er bekam einen Rückfall und musste wieder ins Spital. Bald darauf starb er. Die Platte haben wir dann im Trio gemacht, das Migros MGB-Label hat sie veröffentlicht. Aber eben, im Trio. Mit dem Tod von Jean-Francois ging auch die Idee vom Quartett mit zwei Bässen zu Ende. Irgendwie hat es Fredy und mir den Mut genommen und wir haben seitdem nicht mehr zusammen gespielt in einer festen Band. Fredy spielt seit 10 Jahren im Trio "Koch-Schütz-Studer" und ich habe dann eine eigene Band gegründet: "Christy Doran´s NEW BAG" mit Sänger Bruno Amstad, E-Bassist Wolfgang Zwiauer und Schlagzeuger Fabian Kuratli. Die Band existiert jetzt seit viereinhalb Jahren. Auch da schreibe ich eigentlich alle Kompositionen. Diese Band ist vielleicht etwas zugänglicher als viele Projekte, die wir gemacht hatten.
Ich merke gerade, dass ich einen grossen Sprung gemacht habe... in den 90er Jahren gab es noch eine Zusammenarbeit während sieben Jahren mit dem Posaunisten Ray Anderson. Er ist weltklasse... wir haben viele Duo-Konzerte gespielt. Es gibt aus dieser Zeit eine Platte von mir mit lauter Duos, eines davon mit ihm, ein anderes mit Urs Leimgruber, eines mit dem New Yorker Saxofonisten Marty Ehrlich und mit Hank Roberts. Er ist ein Cellist, welcher früher mit Tim Berne spielte. Also vier Duos. Später spielte ich auch mit Fritz Hauser im Duo, wieder später im Trio mit Jasper van t´Hof, im Trio mit Rene Krebs... ich habe ganz viele Sachen ausprobiert. Es sind dann auch viele Impulse von aussen gekommen, ohne meine Initiative. Vieles hat sich mit dem Label "Hat Hut/Hat Art" ergeben, dem Label von Werner X. Uehlinger aus Basel, da ist auch die Duo-CD veröffentlicht worden. Dann machte ich eine Solo-CD bei Hat Hut namens "What a Band". Ich habe zwei CD´s produziert mit Ray Anderson und dem holländischen Schlagzeuger Han Bennink im Trio. Auch da schrieb ich viele Stücke, welche allerdings nicht immer so klangen wie ich mir das vorgestellt hatte. Ich musste mich oft von meinen Vorstellungen lösen. Spannend war´s trotzdem. Wir waren in Amerika, in Kanada auf Tourneen und das Trio war sehr erfolgreich.
In der Zeit spielte ich die gleichen Stücke auch an der Jazzschule Luzern in den Workshops, und musste feststellen, dass einige Studenten diese besser spielten, jedenfalls näher an meinen Vorstellungen. Da war zum Beispiel der Schlagzeuger Fabian Kuratli und Bassist Wolfgang Zwiauer. Sie spielten schon seit längerem als kompakte Rhythm-Section und als sie ihr Studium an der Musikhochschule beendet hatten, fragte ich sie, ob sie in meiner "NEW BAG" spielen möchten.
Noch eine andere erfolgreiche Geschichte: In den 90er Jahren machte ich mit Fredy Studer ein Hendrix-Projekt. Die Idee kam wiederum von Hat Art. Ich hatte die genannten vier CD´s produziert und fragte, was man als nächstes machen könnte. Werner X. Uehlinger schlug vor, einmal nicht von meinen Kompositionen auszugehen. Das war in der Zeit, als viele Musiker zum Beispiel Kompositionen von Duke Ellington oder Charlie Parker frisch interpretierten. Ich überlegte, welcher Musiker für mich sehr wichtig war und kam auf Jimi Hendrix. Da konnte ich mir eine besondere Interpretation vorstellen. Ich begann mich wieder mit der Musik von Hendrix auseinanderzusetzen, ich hatte ja seine Musik 20 Jahre lang nicht mehr angehört. An einer "Hendrix"-Party spielten Fredy und ich mit dem Sänger Bruno Amstad aus Luzern. Mit viel Schmincke, Perücken und alten Klamotten; es war sehr lustig! Ich habe sechs Wochen geübt, um all die Hendrix-Songs möglichst original spielen zu können.
Für die eigene Interpretation habe ich dann natürlich noch viel mehr Zeit investiert. Wir haben den englischen Vokal-Akrobaten Phil Minton angefragt, welcher den Keyboarder Django Bates mitbrachte. Bassist war Amin Ali von Philadelphia, welcher damals bei James "Blood" Ulmer spielte. Das Projekt stiess auf grosses Interesse und wir machten viele Tourneen, auch in Amerika, Kanada und Skandinavien. Später spielten wir im Quartett und dieses war richtig zusammengeschweisst. Die CD "Doran-Studer-Minton-Bates & Ali play the music of Jimi Hendrix" ist beim Schott-Musikverlag erhältlich. Irgendwann ist mir die Idee gekommen, "so eine Band müsste man haben!" - aber nicht für Hendrix-Musik, ich wollte nicht mein Leben lang Hendrix spielen, sondern für meine eigenen Kompositionen. Das war der Beginn von NEW BAG. Inzwischen haben wir zwei CD´s gemacht, die zweite mit dem indischen Mridangam-Spieler Muthuswami Balasubramoniam. Er hat auch bei der letztjährigen Tournee mitgespielt. Er wohnt in Cochin, Süd-Indien. Inzwischen habe ich die Band mit dem Keyboarder Hans-Peter Pfammatter erweitert und mit ihm die dritte New Bag - CD aufgenommen, welche im Herbst bei Double Moon Records erscheinen wird.
Noch zwei Musiker, die ich erwähnen muss, wir spielten auch ca. sieben Jahre zusammen: den New Yorker Flötisten Robert Dick, welcher inzwischen in der Schweiz verheiratet ist, und den Engländer Steve Arguelles, welcher in Paris lebt. Das Trio nannten wir ADD (Argüelles-Doran-Dick); wir haben auch zwei CD´s produziert für ENJA Records. Robert ist eine Koryphäe auf seinem Instrument. Er hat sich lange Zeit in der klassischen Avantgarde bewegt, wo viel für ihn geschrieben wurde. Er hat eine ganz eigene Technik entwickelt. Steve Argüelles spielte in Django Bates`s Trio "Human Chain" und auch er hat eine eigene Klangsprache.
In den 90er Jahren war ich noch in weiteren Projekten involviert, z.B. "Corporate Art" mit Gary Thomas, Marc Helias und Bobby Previte, welche eine CD für JMT produzierte, und in einem Trio mit Kim Clarke und Marilyn Mazur.
"Christy, ich habe dich eben so verstanden, dass du diese aktive Seite hast, du hast sehr viel versucht, warst sehr erfahrungsoffen - und ich habe dich so wahrgenommen, dass du eine grosse Lust am experimentieren hast."
Ja, ich glaube schon. Ich bin eigentlich immer am studieren, wie man die Musik weiterbringen kann. Und ich bin nie gross interessiert gewesen, zum Beispiel die Jazz-Standards erstklassig spielen zu können. Ich wollte nie wie Wes Montgomery spielen... so sehr ich ihn schätze!
"Kannst du skizzieren, was für ein musikalisches Konzept du heute hast, für NEW BAG?"
Was mich immer interessiert hat, war eigentlich die Kombination aus geschriebener und improvisierter Musik. Fast allen meinen Projekten liegt diese Kombination zu Grunde. Ich habe schon auch ganz frei improvisert, zum Beispiel mit Fritz Hauser, Urs Leimgruber und Lauren Newton. Aber ich schreibe eben auch gerne. Mir ist das Schreiben in den letzten Jahren immer wichtiger geworden, fast noch wichtiger, als mein Gitarrenspiel. Ich bin nicht so interessiert, lange Gitarrensoli zu spielen, wie das früher der Fall war. Ich finde es interessanter, verschiedene Kontexte zu verbinden - Ueberraschungen. Dass man eben Musik hört und nicht weiss, wo das hingeht und überrascht wird.
Noch nie gehörte Klangkombinationen... Das ist etwas, was mich fasziniert. Beim Komponieren habe ich aber kein System. Ich versuche eine gute Balance zu finden zwischen den Improvisationen und der geschriebenen Musik, aber auch von den Farben her. Obwohl ich alle Kompositionen schreibe, geben die anderen Bandmitglieder sehr viel Input. Meistens bringe ich ihnen einfach die Gitarrenstimme und sie lassen sich dazu etwas einfallen. Früher habe ich für sie Parts geschrieben, inzwischen kaum mehr. Somit sind alle an der Musik beteiligt.
Wir haben drei Südamerika-Tourneen gemacht in den viereinhalb Jahren. Das war ein grosser Erfolg. Es hat damit zu tun, glaube ich, dass die Leute da unten viel weniger verwöhnt sind und dadurch viel offener. Die kommen einfach ans Konzert und wollen sehen, was da läuft. Zum Beispiel in La paz war es so, dass wir um acht Uhr ankamen; ich dachte, vielleicht sind dreissig Leute da und noch einige von der Botschaft... dann war das aber gar nicht so, es waren 450 Leute da, die Schlange standen, Leute in jedem Alter, von 17jährigen Jungen in Plumphosen bis zu 70jährigen Kulturinteressierten. Ich hatte immer noch meine Befürchtungen: Wehe, wenn sie das erste Stück hören! Dann laufen alle raus oder fangen an zu schwatzen. Aber nachdem wir das erste Stück gespielt hatten, war klar, dass die Leute auf die Musik abfahren. Wir wurden richtig gefeiert und haben inzwischen da eine grosse Fangemeinde.
Hingegen hier ist es manchmal schwierig, in Deutschland haben wir noch kaum gespielt. Ich habe da den Anschluss irgendwie ein bisschen
verpasst... in Deutschland haben wir am Pop-Com gespielt, letztes Jahr, und am Internationalen Zeltmusikfestival vor zwei Jahren. Oesterreich war eigentlich relativ gut, sogar in Italien spielen wir, das war früher sehr schwierig. Und in der Schweiz - gut, da kennt man uns, das ist kein Problem. Aber die Schweiz ist so klein, da kann man höchstens zehn Mal spielen im Jahr. Man muss zum Land hinaus; wir waren zweimal in Indien, in Madagaskar, Süd-Afrika, und kürzlich in Vietnam. Dann waren wir in Skandinavien, am Tallin-Festival und am Tampere Jazz Happening, Amerika, auch die ganzen kanadischen Festivals, Montreal, Toronto, Vancouver. Wir haben wirklich ziemlich begeisterte Leute zurückgelassen, aber das läuft natürlich nur mit Unterstützung von Pro Helvetia. Bloss kann ich von dort nicht ständig Unterstützung anfordern, darum versuchen wir jetzt auch mehr, hier zu spielen. Aber wir brauchen ein offenes Publikum, das vielleicht etwas hören geht, das es nicht kennt.
"Wie arbeitest du, wenn du zum Beispiel ein Stück geschrieben hast, und du selber bist der, der improvisiert, du stehst auf der Bühne... wie intuitiv spielst du? Also wenn ich dir zuhöre, ich habe dich ja mehrfach gesehen,
hatte ich den Eindruck, die Pferde gehen mit dir durch... du überlässt dich dann eigentlich vielen spontanen Einfällen. Stimmt das so? Oder ist es doch viel strenger, als es von aussen aussieht?"
Nein, ich will mich auch nicht dermassen kontrollieren. Das ist eigentlich auch das Schöne, wenn das einfach so passiert mit einem. Das ist nicht konstruiert oder so, dass man sich was ausdenkt und es dann beim Konzert spielt. Ich denke mir zwar schon Sachen aus, aber es kommt dann immer wieder anders. Das ist das Spezielle: Da kann man noch so üben, beim Konzert kommt es eventuell nicht... dafür ein anderes Mal! Gerade für die neue CD habe ich mich sehr auseinandergesetzt mit den Stücken. Eben, wie gesagt, ich will da keine langen Gitarren-Soli, sondern eher speziellere Sachen spielen. Auf der neuen Platte ist ein Duo, das ist total spontan... Ich habe mit Flageoletts angefangen und habe spontan einen Loop daraus gemacht. So ist eine besondere Atmosphäre entstanden, frei improvisiert, welche ich genau so kaum wieder hinkriegen könnte.
"Fühlst du dich eigentlich als Schweizer?"
Eine schwierige Frage. Ja und nein. Ich glaube, ich bin kein richtiger Schweizer... aber Schweizer bin ich schon. Ich bin jetzt eben vierzig Jahre in der Schweiz, da ist ganz klar ein Einfluss da. Jeder Ire würde sagen, du bist Schweizer. Und doch habe ich sehr vieles von dem Angelsächsischen, auch in der Musik. Zum Beispiel hatte ich ein Duo mit einem Obertonsänger von Tuwa. Das ist ja spezielle Musik. Wir haben alles Stücke von ihm gespielt, also tuwanische Volksmusik, sogar die Nationalhymne...
"Wo ist denn Tuwa?"
Tuwa liegt sieben Flugstunden hinter Moskau, also in der Mongolei, gehört aber zu Russland. Auf der anderen Seite ist dann schon China. Jedenfalls hatte ich ihm gesagt, dass eines seiner Stücke wie ein irisches Lied klingt. Darauf anwortete er mir, das sei von Tuwa, die Tuwaner wären aber früher in Irland gewesen... sie sind ja indianischer Abstammung. Es war lustig. Das Irische bei mir ist schon noch recht vorhanden.
"Wie meinst du das inhaltlich, wenn du sagst, das Irische? Ist das eine Gestimmtheit oder sind das bestimmte Werte, die du als unterschiedlich empfindest?"
Sicher in den Balladen die Melancholie. Auch die Wildheit. Open space.
"Und das Dunkle, woher leitest du das ab? Aus der Schweiz?"
Mmh...
"Was meinst du genau, wenn du sagst "dunkel?"
Dunkel... das Gegenteil von schöngeistig.
"Eine Ernstheit?"
Unterbewusstes, the real stuff, etwas auf den Punkt gebracht...
"Kennst du die Gruppe Gong?"
Nur dem Namen nach. Das sind Franzosen, nicht? Es ist schon viel vorgekommen, dass Leute kamen und unsere Musik mit dem oder dem verglichen haben, ohne dass ich davon eine Ahnung hatte. Das ist aber auch interessant. Manchmal sind Sachen in der Luft... John Abercrombie zum Beispiel... in der Zeit mit OM habe ich einmal die Seiten ganz locker
gemacht, ohne eine Ahnung, dass er das auch getan hatte.
"Würdest du von dir sagen, dass du durch und durch ein Musiker bist?"
Durch und durch, was heisst das... schwierig, nicht? Aber ich glaube schon. Ich kann jedenfalls nichts anderes. Es gibt schon Momente, wo man seine Berufung auch richtig spürt: Dass die Musik steht. Dass einem öfters Sachen gelingen an Konzerten, fast ohne sein eigenes dazu-Tun. Man spielt einfach das Richtige im richtigen Moment, oder ES spielt mit einem: Sternstunden...
"Wenn du einen anderen Beruf wählen müsstest, was würdest du wählen?"
Oh, keine Ahnung.
"Es gab nie einen zweiten Bereich, der dich genauso interessiert hätte?"
Nein, eigentlich nicht.
"Ich habe noch eine Frage, die ja stereotyp ist... wann hast du angefangen zu spielen?"
Schon in Irland. Ich war vieleicht sieben oder acht Jahre alt; da war Elvis Presley in. Da habe ich mir eine Gitarre gewünscht. Einmal ging ich allein an ein Konzert, wo ein Musiker Gitarre gespielt hat, Cowboy-Songs... Das hat mich total umgehauen. Ich mag mich gut erinneren, das war in
einem Zelt, in Greystones. Und dann ging ich nach Hause, was zwei oder drei Kilometer entfernt war, und war total high. Und natürlich auch von den Eltern her. Meine Mutter hatte Akkordeon gespielt, mein Vater Schlagzeug und eben gesungen, das Schlagzeug nur so nebenbei. Und trotzdem; sie haben in meinem Schlafzimer geprobt, die ganze Band, die jeden Samstag in Greystones in der Tanzhalle spielte, jahrelang.
"Dann bist du richtig mit Musik aufgewachsen, mit dieser Praxis. Denn du hast ja schon unsagbar viele Konzerte gegeben, von der ersten Minute an!"
Jaja. Mein Vater sang auf Hochzeiten, bei Nachbarn, im Pub... Johnny, sing ein Lied! Und ich habe ihn dann manchmal auch begleitet, später, als ich so dreizehn war. Die Eltern waren sehr arm in Irland. Und die erste richtige Gitarre erhielt ich erst, als wir in der Schweiz waren. Da besuchte ich dann klassischen Unterricht für zwei Jahre, aber ich habe nicht viel gemacht. Es war eben nicht das, was ich spielen wollte. Mit fünfzehn kamen dann die Beatles und ich hatte eine Lehrerin gefunden, zu der ich gerne ging. Aber da musste ich die Stunden selber bezahlen. Es reichte nur für drei Monate. Die nette Frau hat mir zwar angeboten, ich könne dasitzen, wenn die anderen Unterricht erhalten, und so gratis lernen. Dazu war ich dann aber wieder zu stolz. Und so fing ich selber an zu lernen. Alles liegt schon ziemlich weit zurück.
"War der Wechsel in die Schweiz schwer für dich?"
Nein, ich bin eigentlich gerne hierher gekommen. Die Mutter ist ja Schweizerin, von Luzern. Und nach zwölf mühsamen Jahren in Irland, abgesehen von vielen guten Zeiten, hat sie es auf die Dauer dann nicht mehr gesehen, weil der Vater nicht so eine glückliche Hand mit Jobs oder mit Geld hatte. Er investierte es manchmal falsch, wenn er etwas hatte... die Sekundarschule in Irland hätte man schon bezahlen
müssen. Ich war ziemlich gut in der Schule; und dann dachte sie, dass wir uns das nicht leisten können. In der Schweiz sind die Schulen gratis. Letztendlich habe ich nicht studiert... sondern die Schule vorzeitig abgebrochen - um Musik zu machen...
"Leben deine Eltern noch?"
Der Vater ist gestorben. Die Mutter kommt immer an die Konzerte. Wenn wir in Luzern spielen.
"Versteht sie deine Musik?"
Ja... ich glaube schon, ja ja. Es hat auch Konzerte gegeben, die ihr nicht gefallen haben. Sie konnte mir das sagen; sie ist eine Persönlichkeit. Mein
Elternhaus war eigentlich gut. Ich habe zwar damals immer rebelliert, aber meine Eltern haben doch immer Verständnis gehabt für diese Musik, für diesen "Lärm" in den 60er Jahren.
Ich spiele mit New Bag, das ist klar, und dann noch mit Reto Weber; er leitet das Percussion-Orchestra. Er hatte ein ziemlich grosses Projekt mit Vietnamessen und so war ich mit ihm vor zwei Jahren dort. Wir spielen je nachdem manchmal auch mit Albert Mangelsdorf. Reto Weber spielt auch mit Eberhard Weber zusammen, sie sind aber nicht verwandt.
Eberhard spielt manchmal auch in diesem Vietnam-Projekt.
Weiter spiele ich im Quartett Sskies des Genfer Saxofonisten Maurice Magnoni und noch in einem neuen (akustischen) Trio mit dem Bassisten Heiri Känzig und Fabian Kuratli am Schlagzeug.
Im April haben wir eine New Bag Tournee, also Oesterreich, Schweiz, Italien; im Juni spiele ich an der Schweizer Expo. Und im August gibt es ein spezielles Konzert. Ich spiele elektrische Gitarre in einer Komposition von Olga Neuwirth am Classic Festival in Luzern. Und dann gehe ich in die Ferien...
from Italy..... Hi Christy, you' ve ended the two months ' tour,playing live in three Continents : Argentina, Bolivia, Madagascar, South Africa , Finland... and again.... Austria , Germany........
What are your impressions performing in not-so "usual " places ..........you probably found small audiences but ,you told me, enthusiastic; who knew " Christy Doran 's New Bag" ?
- Yes, we played a lot last autumne and we will be playing more again in autumne 2001: Venezuela, Bolivia, Argentine, Brazil, a.o.
One of the reasons that New Bag is again invited to South America is the fact that the music of the band is so well accepted. For instance in La Paz: we played there in 1999 infront of 450 people in the Teatro Municipal. The audience was mixed from 17 - 70 years old. I was first a little worried that our music would not be understood, but after the first piece we played, we all felt very well and everybody (I mean band and audience) hat a good time. As I already mentioned, we were again invited to La Paz last year: the bands name had spread 'round and 750 came again to the packed Teatro Municipal and we also played club concerts infront of great audiences! This year the cultural department of La Paz are organising a jazz festival and New Bag is invited again.
Of course there are places where the music is too strange for the people to really get into it - but that can even happen in Central Europe... or in the US...
NEW BAG is a new experience highly involved and at the same time, highly refined, there is a fine connection
by all four members : what inspired you to write these compositions ?
- I have always been interested in the combination of composition and improvisation. Inspiration? - I get inspired imagining the members of the band playing...
Do you write the main scores ?
- Yes, until now I wrote all the compositions, although I have asked the others of the band to bring in compositions or idea's...
In live performances expecially, in the more suspended/ ethereal moments , the thing that impresses us most is your wise use of the whole dynamical/ effectistic sound with reference to the different versions of "Confusing the spirits" , "Paros" , most of all ,in my opinion.
The proof is the beautiful " Space the place " which , also from opinions of related critical listeners (some guys of the LIZARD label staff involved in PROG-JAZZ-EXPERIMENTAL production-said so....) ,
...it could be a prologue to develop a track longer than its " 5:44 min" CD-version...........
Have you ever thought about an expanded version of this piece , perhaps a mini-CD ??
- The completely improvised pieces are very related to the athmosphere at the time of the improvisation and therefore I think it is difficult to try and play the same kind of an improvisation again.
Before we went to South-America last year, we had a recording session where we did not play any compositions of mine, just free improvisations. The best result was the tune "Black Box" which I liked immediatly. But I was not so happy with many of the other improvisations of that session, I did not think they were ready to put on a CD. Wolfgang Zwiauer, "our" bass-player, was at a time interested in doing a remix of the free improvisation - session. Maybe that could have worked. I also brought up the idea that Wolfgang´s remix might not be called "Christy Doran´s NEW BAG", maybe just New Bag, or something else... But it would be a lot of work and lately we did not discuss that project any more...
But when we went to the studio to record our second CD, we also did some more free improvisation besides my new compositions and I liked that a lot (Structued Clay). Dont forget that I write the compositions as a frame-work for improvisations. For instance the last tune on "Black Box" is basically a frame with free improvisation.
The live performance is a different thing again, there we have more time to experiment.
Theoretically , music is always innovative when it's both catchy and avantguard intended to carry one's possibilities
to the extremes......... Any Hendrixian memories ?
- Yes, I think Hendrix is maybe the best example to show that it is possible to have a strong impact on the audience and still be on a high musical standard. I think it is great if an artist can get this together, but it is not my preferenced goal. If it happens - super, but I dont seek for this rationally. To play good music is first priority!
Let's go back a moment Christy , let's talk about the groups/ ensembles which influenced your style, as a guitarrist
and composer.........
And tell me something about the quintet DORAN-STUDER-MINTON-BATES-ALI ,dedicated to guitar-God Jimi......
....again.........
- The Jimi Hendrix Project (DORAN-STUDER-MINTON-BATES & ALI play the music of Jimi Hendrix) was very successful, the band toured a lot (Europe/Scandinavia/US & Canada) in the 2 years from 1992 - 1994.
We had some personal changes, Tom Cora replaced Django Bates for a tour and in the 1994 we played just in quartet. The quartet sounded great and actually I got the idea from that quartet (MINTON-STUDER-ALI-DORAN) for founding NEW BAG: I was looking for a band like that, which would play my compositions instead of the Hendrix songs.
Tell me something about your collaboration with BORIS SHALCKAK , and your interest in sciamanism , considering many musicans that are involved in......The CD " SHAMAN" is interesting .
You know, I have plans to AIR on a small Radio Station selected records that , in one way or another , are connected with sciamanism....
- I would indeed like to play on with Boris Salchak, but he lives in Tuva, 7 flight hours after Moscow... There is also the problem that when we perform, people did not know what they were to expect: Some people came because of me to the concert and wanted me to "play guitar" - but with Boris we just played Tuvan songs (we even played the Tuvan National antrim) and I was just trying to make a "bed" for him to sing, I just surrounded him, because I did not want to disturb the purity of his music. So some people, the "jazz" fans, were disapointed not hearing a lot of fast guitar work; on the other hand there were New Age people interested in esoteric sounds who hated the electric guitar... So it was not so easy... But I do like the record we made and also enjoyed playing live.
Do the other members of your group have ,currently, other parallel groups ?
- Oh yes, Fabian and Wolfgang play with Shirley Grimes, an Irish singer, the girl-friend of Wolfgang. Bruno also playes with other bands and musicians. Fabian is also playing with a guitar trio and also with Pierre Favre Drum Orchestra (Fredy Studer is in that band of drums also).
Interview mit Christy Doran
Willisau, August 98
Wie ist der Entstehungsprozess Deiner Kompositionen?
Doran: Meine Vorgehensweise ist ziemlich verschieden zu der eines klassischen Komponisten. Mit wenigen Ausnahmen komponiere ich für meine eigenen Bands oder für Kollektiv-Gruppen, wo ich einen Teil der Kompositionen beisteuere, wobei die Kompositionen eigentlich nur der Rahmen oder die Basis für die Improvisationen bilden. Bei der Gründung von Bands wie Red Twist &t Tuned Arrow, Doran-Studer-Burri-Magnenat oder New Bag zum Beispiel wurde zuerst eine Session organisiert, bei der frei improvisiert wurde: Erstens um zu sehen, ob die Chemie stimmt zwischen den verschiedenen Musikerpersönlichkeiten, und zweitens um zu hören, was für ein Sound sich spontan ergibt, um darauf aufzubauen.
Durch die Instrumentation der Band und der teilnehmenden Musikerpersönlichkeiten ergibt sich für mich als Gestalter eine gewisse Begrenzung, ein Rahmen. Oft habe ich Künstler beneidet, welche ihr Werk alleine gestalten können, ohne auf jemand anders angewiesen zu sein - doch anderseits ist die Musik eines Kollektivs lebendig und verlangt Offenheit. Nicht selten musste ich meine Stücke umstrukturieren und mich dabei von meinen Vorstellungen lösen. Doch wichtig ist ja nicht in erster Linie die Komposition, sondern die Musik. Die Musikerinnen und Musiker müssen sich wohl fühlen; es muss ihnen Spass machen, innerhalb der Komposition zu improvisieren und mit dem Material zu spielen. Der Inhalt ist mir wichtiger als die Form.
Du hast in einem Interview den Begriff "Subjektive Ästhetik" erwähnt? Was meinst Du damit?
Doran: Mit der Erfahrung des Jazz habe ich gelernt, die Musik anders zu hören. Mit der klassischen Ästhetik habe ich manchmal Mühe. Anderseits habe ich ab und zu Auseinandersetzungen mit meinen Studenten, wenn sie denken, dass es für mich keine "falschen Noten" gibt. Gerade das Gegenteil ist der Fall: für die Kompositionen wähle ich alle Noten sorgfältig aus. Aber viele Studenten glauben, dass ich in freien Welten Musik mache und verstehen meinen musikalischen Ansatz nicht. Ich komponiere nicht vom Kopf her, ich sage nicht "Jetzt will ich etwas Verrücktes schreiben!". Das Ganze kommt von innen her und aus dem (Zusammen-)Spielen mit meinen Mitmusikern. Meine Ästhetik ist eng verbunden mit meiner Wahrnehmung der Welt und der Philosophie, zum Beispiel dem Ying und Yang. Es fällt mir schwer, dies in Worten auszudrücken... Eine Komposition sollte gut ausbalanciert sein, wie im Leben, wo man auch eine gute Balance finden muss. Schlussendlich sind meine Kompositionen eng mit meiner Person verbunden, sie sind Ausdruck meiner Empfindungen und dessen, woran ich glaube. Ein grosser Dirigent hat mal gesagt: Musik ist wahr.
Wann hast Du angefangen zu komponieren?
Doran: Die ersten eigenen Stücke schrieb ich für das Quartett Om (1972 - 82, mit Urs Leimgruber, Bobby Burri und Fredy Studer). Ich hatte schon vorher einzelne Sachen geschrieben, aber "Om" war meine eigentliche Lehrzeit, mein Experimentierfeld. Alle Mitglieder haben Stücke und ihre Ideen miteingebracht.
Komponieren war und ist also für Dich ein kollektiver Prozess?
Doran: Auf jeden Fall in dem Sinne, dass mich die Mitmusiker beim Komponieren beeinflussen.
Wie hat sich Deine Kompositionsarbeit nach Om entwickelt?
Doran: Sie hat sich vor allem mit der Gruppe Red Twist & Tuned Arrow (1985 - 87) weiterentwickelt, dem Trio mit Fredy Studer und Stefan Wittwer. Dort sind wir einen Schritt weitergegangen... Wir haben hohe Anforderungen an uns gestellt. Ich schätze Stephan als Komponisten sehr.
Ist für Dich das Musizieren wichtiger als das Komponieren?
Doran: Ja, schon. Ich spiele sehr gerne, und ein gutes Solo oder eine gelungene Kollektivimprovisation gibt einem schon grosse Befriedigung. Spielen und Komponieren sind für mich zwei verschiedene Welten, wobei das Schreiben bei mir heute eine wichtigere Rolle als früher einnimmt. Mich interessieren aber Improvisation und Komposition und alle Methoden dazwischen...
Bei meiner neuen Band NEW BAG habe ich mehr komponiert als bei vorangegangenen Gruppen. Der Sound der Band wird u.a. auch stark von den Kompositionen geprägt.
Die Kompositionen für "New Bag" sind eher komplex. Wie bist du zu dieser Komplexität gekommen?
Doran: Ich wollte schon immer einfache Stücke schreiben (er lacht). Aber es hat sich so ergeben. Manchmal will ich etwas Einfaches schreiben und am Ende kommen vier Seiten Noten heraus; das ist eher viel für ein Jazz-Stück. Ich habe es gern, verschiedene Elemente in Opposition zu bringen und darin eine neue Balance zu finden. Für mich sind diese neuen Stücke nicht komplex, weil das Endresultat immer sehr organisch ist. Ich schreibe gern einfache Melodien am Anfang, wobei die Rhythmik nachher vielfach komplex ist. Das war schon der Fall mit dem Quartett mit zwei Kontrabässen (1989 - 92): Schon dort wurde viel mit rhythmischen Ueberlagerungen gespielt.
Denkst du immer an die Musiker, für die Du Kompositionen schreibst?
Doran: Ja, so habe ich mehr Ideen. Wenn ich z.B. an Ray Anderson denke, höre ich ihn spielen und weiss, was ihm gefallen würde, was ich schreiben oder nicht schreiben sollte.
Was sind die notwendigen Voraussetzungen und woher beziehst Du Deine Inspirationen für Deine Kompositionsarbeit?
Doran: Ich muss Ruhe und Platz haben. Darum komponiere/denke ich gern im Freien. Wenn ich viel Unterricht gebe oder viel spiele, komme ich nicht zum Komponieren, selbst wenn ich will. Ich brauche ein paar Tage frei. Ich kann mich nicht einfach an den Schreibtisch setzen und Musik notieren. Manchmal komme ich zu Hause auf kleine Sachen, wenn ich allein übe. Dies sind meist Sequenzen, die ich eventuell später wieder aufgreife. Ray Anderson zum Beispiel kann während einer Tournee Stücke schreiben. Das fällt mir schwer, vielleicht weil meine Musik komplexer ist. Die besten Ideen fallen mir meist in etwas dusseligen Momenten ein, z.B. während ich allein in den Bergen wandere, (allein) auf dem Skilift bin in den Sportferien, beim Üben, oder im Traum. Dabei weiss ich später noch genau, wo mir ein bestimmtes Fragment eingefallen ist, manchmal denke ich wieder an denselben Moment, wenn ich die Sequenz auf der Bühne spiele.
Es ist also eher ein langer und chaotischer Vorgang - nicht negativ gemeint - in dem das Schreiben von Stücken noch keine grosse Rolle spielt?
Doran: Ja. Es ist wie ein Sammeln von Mosaiksteinen. Ich spiele sehr viel mit meinen Ideen, bevor ich etwas notiere. Ich muss immer etwas in den Händen haben, bevor ich ein Stück zu komponieren anfange. Ich entwickle diese Elemente weiter, bis sie zu einem einzigen Bild werden. Am Anfang brauche ich kleine Bausteine, mehrere musikalische Ideen. Meist reifen diese Ideen zu einer Komposition tatsächlich erst in den Ferien. Ich lasse die erste Zeit mein Instrument liegen, entspanne mich und mache erst ein paar Tage frei. Automatisch kommen mir dann Melodiefragmente in den Sinn und langsam beginne ich dann intensiver, auf sie zu "horchen" und mir die Einfälle zu merken oder aufzuschreiben. Wenn ich für eine bestimmte Band schreibe, entscheidet sich oft schon in dieser Phase, welche Fragmente später den einzelnen Bandmitglieder zugeordet werden. Das kann ein Akkord sein, oder ein Riff - eine Bass-Figur - oder ein Sound, Miniaturen, Intervalle, rhythmische Figuren. Ich spiele dann die Linien mit der Gitarre und versuche, eines der anderen Fragmente weiter zu entwickeln. Im Laufe einer oder zwei Wochen ist dann das Material gewachsen. Die verschiedenen Teile sind nun ausgeweitet und ich muss langsam überlegen, wie man diese Teile als Ausgangspunkt für Improvisationen einsetzen könnte. Wenn ich mich tagelang mit dem Material auseinandersetze und versuche, das Ganze zu ordnen, und mein Kopf schwirrt, fühle ich mich manchmal wie ein Zombie unter sogenannt "normalen" Menschen.
Was für eine Rolle spielen Limiten in Deiner Kompositionsarbeit?
Doran: Wenn die Limiten zeitlicher Natur sind, wird es schwierig für mich. Wenn es aussermusikalische Ideen oder Themen sind, zum Beispiel ein Film, kann ich mir das besser vorstellen. Aber schlussendlich wird es auch zur Frage der Zeit, und ich brauche viel Zeit. Ich glaube, dass die Improvisationsarbeit und das Üben eine sehr wichtige Quelle sind für meine Kompositionen, aber auch Konzerte besuchen und Platten anhören: das alles gehört zum Prozess.
Spielt Deine Tätigkeit als Lehrer in der Jazz Schule Luzern eine Rolle?
Doran: Zum Teil, vor allem der Unterricht mit den Studenten der Berufsschulabteilung. Aber sonst ist meine Arbeit als Lehrer schon weit weg von dem, was ich als Musiker spiele. Ich kann nicht wirklich abschätzen, wieviel von diesen vielen Jazzelementen, die ich lehre, in meine Kompositionen einfliessen. Lieber lasse ich mich von meinen Mitmusikern beeinflussen. Zum Beispiel mit "ADD" (dem Trio mit Robert Dick fl und Steve Argüelles dr). Diese Band funktioniert vor allem im Kollektiv: Jeder Musiker bringt eigene Stücke, die die Basis für interessante (Improvisations-) Konzepte bilden.
Wie schätzt Du heute Deine Rolle als Komponisten ein?
Doran: Jazzmusiker werden als Komponisten kaum wahrgenommen.
Seit einiger Zeit fühle ich mich aber sehr unterstützt, z.B. von PRO HELVETIA. Auch spüre ich bei der jüngeren Musikergeneration grosses Interesse an meinen Kompositionen. Ähnlich wie damals RED TWIST & TUNED ARROW scheint NEW BAG für viele junge Musiker wegweisend zu sein.
Ist es Dir möglich, nur von Kompositionen und Konzerten zu leben?
Doran: Wenn ich keine Familie hätte, wäre es schon möglich. Mit Familie schaffe ich es nicht. Der Unterricht an der Musikhochschule Luzern ist ein finanzielles Standbein. Und ich unterrichte nicht ungern.
Die finanzielle Situation ist schon schwierig: das Ganze ist ein Rattenschwanz: Wenn man komponiert, und die Kompositionen aufgeführt oder auf eine CD kommen, erhält man die Urheberrechtsentschädigung von der SUISA. Leider kümmern sich aber viele alternative Konzert-Organisatoren nicht darum, die SUISA-Listen auszufüllen. Wenn ein Konzert dann eventuell noch schlecht besucht war, ist es fast vermessen, noch die SUISA-Liste zu erwähnen. Wenn ich viele CDs verkaufen würde, ginge es finanziell besser. Da spielt das Label eine grosse Rolle: Eine ECM-Platte zum Beispiel wird von Radiostationen auf der ganzen Welt gespielt. Das macht sich auch finanziell bemerkbar. Aber die grösseren Plattenfirmen sehen bei mir schon von weitem Probleme, womit wir wieder bei meiner Musik angelangt sind...
Interview: Christian Steulet
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